Ein Arbeitsplatz mit Panoramablick

Gersdorf, 30.04.2019: Zweimal im Jahr müssen Windkraftanlagen einer Wartung unterzogen werden. „Freie Presse“-Redakteur Hans-Peter Kuppe hat die Service-Techniker ins Maschinenhaus einer Nordex N 54 in 70 Meter Höhe begleitet.

 

Gersdorf7 Uhr, Windpark Bernsdorf-Gersdorf. Die Rotorblätter der Vestas N 54 an der Garnstraße zwischen B 173 und Hofgraben bewegen sich mit 30 Umdrehungen pro Minute. Für die Windkraftanlage mit der Registriernummer 9137 steht die Halbjahreswartung an. Es wird die letzte sein. Die Anlage soll zurückgebaut werden. Drei neue WKA mit je 3,45 Megawatt sind geplant. 20 Jahre lang hat das Aggregat sauberen Strom geliefert. Sein Generator leistet ein Megawatt, soviel wie zum Betreiben von Zehntausend 100-Watt-Glühlampen nötig ist. Für die Männer von der Sabowind Service GmbH heißt es heute: Checkliste abarbeiten. Rund sieben Stunden werden sie dafür benötigen.

Roy Wündschittel freut sich heute besonders auf seine Arbeit. „Sonnenschein, frische Luft, was willst du mehr“, sagt der 34-Jährige. Der Servicetechniker für Windkraftanlagen hält mir eine Kladde mit der Arbeitsschutzbelehrung hin. Die Sabowind Service GmbH muss sich rechtlich absichern. Logisch: Ohne Helm, Handschuhe und Sicherheitsgurt geht in dem Job nichts. „Und du solltest schwindelfrei sein“, sagt Wündschittel. Der Techniker hilft beim Anlegen des Tüv-geprüften Sicherheitsgurtes, kontrolliert die Verschlüsse. Am Display des Schaltschranks im Inneren des Turms meldet sich inzwischen Steve Duwensee in der Zentrale an. Dort würde ohne den Code Alarm ausgelöst. Damit der Rotor anhält, werden die Enden der Rotorblätter ein Stück ausgefahren und 90 Grad gedreht. Das wirkt wie eine Luftbremse. Wenige Sekunden später steht der Rotor.

Es geht an den Aufstieg. Die neuen Anlagen im Park mit weit über 100 Meter Nabenhöhe verfügen über Aufzüge, die alte Nordex hat eine Leiter. Parallel dazu verläuft senkrecht ein Stahlseil. Ein kleiner Rollenschlitten, in den sich die Techniker mit dem Sicherheitsgurt einhaken, läuft beim Aufstieg am Seil mit. Seine Bremse verhindert bei einem Fehltritt den Absturz. Schon nach einem Drittel der mehr als 250 Leitersprossen pumpt das Herz wie bei einer Mountainbiketour in den Hochalpen, die Muskulatur in den Armen beginnt zu brennen. Zwei Pausen sind unumgänglich. Fitness-Studio brauchen die Jungs nicht, schießt es mir durch den Kopf. Die Pausen nutzt Steve für einige Infos: „Bei der Jahreswartung prüfen wir auch die Muttern der Schraubverbindungen an den Turmsegmenten und die Steigleitern. Heute alle elektrotechnischen und mechanischen Komponenten der Anlage.“ Wir entern das Maschinenhaus. Das erinnert wegen der riesigen Welle optisch an den Maschinenraum eines Schiffes und hat die Größe der Ladefläche eines Sattelschleppers. Allein das Getriebe wiegt 10,5 Tonnen. Eine Hydraulikpumpe surrt. Zwei Zylinder klappen das Dach des Maschinenhauses auf. Der fantastische Panoramablick über grüne Felder unter blauem Himmel entschädigt für den schweißtreibenden Aufstieg.

Steve Duwensee dreht das gesamte Maschinenhaus mit Hilfe der Azimut-Motoren ins Sonnenlicht und schwenkt den Portalkran aus. Der befördert in einem Blechfass an Ketten alles nach oben, was für die Wartung gebraucht wird: Messgeräte, Werkzeuge, Schmiermittel. Während sein Kollege noch mit dem Aufstieg beschäftigt ist, prüft Duwensee den Füllstand der Wasserkühlung des Generators. Der Techniker ersetzt den Luftfilter der Getriebeentlüftung, danach den Ölfilter der Hydraulikpumpe. Jedes Leck wäre fatal. In dem System zirkulieren 300 Liter Getriebeöl. Auch die Stärke der Bremsbeläge muss stimmen. „An den elektrischen Komponenten im Maschinenhaus darf nichts verschmort sein“, sagt er. Auch Roy Wündschittel trifft ein – kein bisschen außer Atem. Er ist wie sein Kollege die Kletterei gewöhnt. Bei den Arbeiten im vollgepackten Maschinenhaus gilt Sicherheit als oberstes Prinzip. Immer wieder müssen die Techniker das Hauptzahnrad übersteigen. Dabei gilt: Anhängen mit Sicherungsseil und Karabinerhaken. Ein Sturz 70 Meter Höhe wäre tödlich. Steve Duwensee setzt die elektrische Fettpresse an. Im Hauptlager des Rotors verschwinden nun unter Druck fünf Kilo Fett, ganze zwölf Kartuschen. Endlich ist Frühstückspause. Gegessen wird im Maschinenhaus. Die beiden genießen dabei für ein paar Minuten die Sonne und den Blick in die Ferne. „Schon deswegen mache ich diesen Job gern. Du kannst auch mit reinschreiben, dass wir noch Servicetechniker suchen“, sagt Wündschittel lachend.

 

Artikel aus der "Freien Presse" vom 30.04.2019, https://www.freiepresse.de/zwickau/hohenstein-ernstthal/ein-arbeitsplatz-mit-panoramablick-artikel10504698

Foto: Andreas Kretschel

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